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HILDE KUHN

Mein anderer Sohn




Mein Sohn heißt David und ist nicht mein leiblicher Sohn. Dennoch ist er MEIN Sohn. Mein anderer Sohn. Wir nennen ihn meistens Dave. Einssiebenundachtzig groß mit blauen Augen und blonden Haaren, sieht er aus wie ein Engel. Ein Junge von bald siebzehn Jahren. Als er zu uns kam, war er noch nicht sieben Jahre alt. Im Moment besucht er hier in Berlin die Realschule.
Unentwegt tritt er mit den Füßen gegen die Tür und schreit: „Wenn du mir kein Geld gibst, schlage ich hier alles kurz und klein!“
Ich trommele auf der anderen Seite gegen die Tür, aber er hört nicht auf zu randalieren, tobt weiter. Ich rufe „Mach auf!“, und höre Glas zerbrechen. Mein Herz rast. Angst.
Ich weiß mir einfach nicht mehr anders zu helfen und schreie: „Ich rufe jetzt die Polizei!“
Da wird es still in seinem Zimmer.
Ich hole mir aus dem Wohnzimmer meine Zigaretten und einen Aschenbecher, setze mich in dem langen, schmalen Flur direkt vor seinem Zimmer auf den Boden. In zerlöcherten Jeans sitze ich auf dem persischen Teppich, einem Überbleibsel aus meiner ersten Ehe.
Ich erinnere mich daran, wie Frank und ich den Teppich damals auf einem arabischen Souk gekauft haben. Im September in Saudi-Arabien, als es dort noch heißer war als in Deutschland im Hochsommer. Mehr als zehn Jahre lang sind wir im Orient unterwegs gewesen. Von einer Baustelle zur anderen gezogen. Saudi-Arabien, Irak, Libyen. Immer woandershin. Ich weiß noch, dass ich beim Teppichkauf einen langen Kaftan aus rosa Seide trug, verblasst von der Sonne. Wir hielten uns an den Händen, als wir mit dem Araber um den Preis feilschten. Ich werde das nie vergessen, weil ich in diesem Moment so glücklich war.

mein.anderer.sohn.leseprobe.1.pdf

mein.anderer.sohn.leseprobe.2.pdf