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HELGA ZEINER

Feuermeer




Bremen, vor dreißig Jahren.

Noch nie hatte sie ein so großes Schiff gesehen. Die Queen Frederika lag fest vertäut am Pier und schaukelte auf den Wellen, die hoch an der Kaimauer aufspritzten, hin und her. Das graue Meer war für die Passagiere, die sich an der abgesperrten Gangway sammelten, nicht sichtbar. Nur in der schmalen Rinne zwischen Schiff und Hafen brodelte das nasse Element, welches ihnen für die nächsten sechs Wochen jede Landschaft ersetzen würde. Johanna hatte sich anfänglich vor der Reise gefürchtet, weil sie dem Wasser nicht vertraute. Es war ihr schon immer ein Rätsel gewesen, wie sich ein Schiff über Wasser halten konnte, anstatt zu versinken. Als sie nun die Queen Frederika vor sich sah, dieses weiße, stabile Hochhaus mit seinen vielen runden Fenstern, hätten ihre ursprünglichen Ängste eigentlich sofort wieder auftauchen und sie in ihrer Meinung bestärken müssen, aber erstaunlicherweise trat genau das Gegenteil ein. Plötzlich war sie überzeugt davon, dass diesem Schiff niemals etwas passieren würde. Ganz im Gegenteil würde es jedem Wetter trotzen, und sie würde sich darin so geborgen fühlen wie zu Hause, in ihrer winzigen Wohnung in Heidelberg, die sie bis vor Kurzem noch bewohnt hatte.
Nun bahnte sich ein Angestellter der Chandris Line einen Weg durch die unruhige Menge der Wartenden. Er öffnete die Absperrung mit einem Schlüssel und rief laut über ihre Köpfe hinweg: „Bitte halten Sie ihre Tickets bereit. Wir sind bereit zum Einsteigen.“
Ein aufgeregter Ruck ging durch die Menschenmenge, die noch enger zusammenrückte und vorwärtsdrängte, als wäre es wichtig, möglichst schnell einzusteigen. Dabei hatte jeder einen Passierschein in der Hand, der ihm einen Platz auf dem Dampfer garantierte. Außerdem war es erst elf Uhr vormittags, und sie hatten noch den ganzen Tag und noch den ganzen Abend Zeit, um an Bord zu gehen, denn die Queen Frederika würde erst um Mitternacht ablegen. Auch Johanna wurde von der allgemeinen Aufregung angesteckt. Sie klammerte sich an Kurts Ellbogen. „Es geht los! Es ist so weit!“




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