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Jutta Oltmanns

Die Friesenrose



Kanton, China, 1794

Schon jetzt lag der aromatische Duft des Tees wie eine Wolke über dem Hafen von Kanton. Sumi schloss die Augen und nahm den Wohlgeruch tief in sich auf. Traurigkeit überfiel sie und für einen Augenblick auch Zweifel an ihrem Tun. Doch dann legte sich der zarte Duft des Getränkes wie Balsam auf ihren Abschiedsschmerz. Der Tee würde mit ihr gehen in die fremde Welt. Das musste als Trost genügen.
Sumis Augen wanderten zu den Schiffen am Horizont. Die Händler waren gekommen. Sie wollten den Chiai-Catai, den Tee der Chinesen, kaufen, und Kanton war der einzige Hafen, zu dem ihnen Zugang gewährt wurde. Dschunken umringten die Fahrzeuge, um die Kaufleute aufzunehmen. Mit Tee zu handeln, dazu war man bereit. Doch darüber hinaus glich der Versuch der Fremden, eigene Waren nach China hineinzube-kommen und andere herauszubringen, dem Griff nach den Sternen.
Sumi wartete auf den Mann, der es gewagt hatte, seine Hand gen Himmel zu strecken. Ungeduldig blickte sie auf die näher kommenden Boote, mit denen die Händler in den Hafen gebracht wurden. Es waren größtenteils Holländer, aber auch Briten, Portugiesen und Spanier, die, wie die Chinesen, nicht mehr ohne Tee leben wollten. Genauso wie sie nicht mehr oh-ne den Mann leben wollte, der es geschafft hatte, ihre Liebe zu gewinnen. Sumi seufzte tief. Denn diese Liebe hieß sie heute Abschied nehmen!


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