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HILDEGARD BURRI-BAYER

Die Bluterbin




Radulfus´ Handflächen waren feucht vor Erregung, als er die Treppe zum Geheimgang hinunter stieg. In seinen Händen hielt er ein weißes Gewand, das an den Rändern mit einer kostbaren, golddurchwirkten Bordüre gesäumt war.

Er konnte es kaum erwarten, Marie in diesem Kleid zu sehen. Ihre jungfräuliche Haut würde einem Engel gleich mit dem Weiß des Gewandes verschmelzen. Vor der Türe angekommen sah er ihre Augen vor sich, diese verfluchten dunklen Augen, in denen, so glaubte er, ihr Geheimnis verborgen lag. Er zog den Riegel zurück und öffnete die Türe. Doch der Raum war leer. Er weigerte sich zu glauben, was er sah. Aber es gab keinen Zweifel, Marie war verschwunden. Es durfte einfach nicht sein. Vollkommen außer sich schüttelte er immer wieder den Kopf. Dann sprang er blitzschnell zurück und ließ die Türe krachend hinter sich zufallen. Regungslos stand er im Dunkeln.

Nein, es konnte nicht sein. Eine Flucht war einfach unmöglich. Es sei denn, irgendjemand hätte dem Mädchen dabei geholfen. Doch wer konnte das gewesen sein?

Langsam wurde ihm klar, dass er Bruder Gregor unterschätzt hatte. Er hatte Entsetzen geheuchelt, als man ihm von dessen Tod berichtet hatte und anschließend die Schändlichkeit dieser frevelhaften Tat mit scharfen Worten verurteilt. Warum hatte er ihn nur nicht schon früher aus dem Weg geschafft? In ohnmächtiger Wut ballten sich seine Hände zu Fäusten.

Aufgewühlt verließ er das Verlies und hastete durch den dunklen Gang in Richtung Krypta. Die Türe war verschlossen und niemand außer ihm besaß einen Schlüssel zu dem geheimen Gang. Bruder Gregor musste sich also irgendwie an der Wache vor seiner Türe vorbei geschlichen haben. Aber dann fiel ihm ein, dass der Sakristan zum Zeitpunkt von Maries Tod längst tot gewesen war. Oder etwa doch nicht?
Seine Augen quollen ihm aus den Höhlen, als sich die Angst wie ein eiserner Ring um sein Herz legte. Ob Bruder Gregors Geist zurückgekommen war, um sich an ihm zu rächen?
So schnell er konnte, verließ er den geheimen Gang und verschloss mit zitternden Händen die Tür. Wieder in seinen Gemächern angekommen, ließ er sich auf einen Stuhl fallen und starrte blicklos vor sich hin.

Das war das Ende. Seine Seele war unwiderruflich verloren. Die Dämonen der Hölle konnten nun ungehindert nach ihm greifen und Bilder des Schreckens tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Ein Geräusch drang an seine Ohren, es hörte sich an wie das Knistern von brennenden Holzscheiten. Unaufhaltsam kam es näher. Er wollte aufspringen um zu fliehen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst und es war ihm unmöglich aufzustehen. Der Blasebalg unter dem schneller. Sein Pfeifen und Stöhnen schwoll an. Er spürte die unerträgliche Hitze der züngelnden Flammen, die unbarmherzig nach seinem Leib griffen, um ihn auf ewig in den Kessel der Verdammten zu ziehen.

Ein entsetzlicher Schrei ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Erst als der Wachmann gefolgt von seinen Dienern hereinstürzte und ihn verständnislos anstarrte, begriff er, dass er selbst derjenige war, der geschrien hatte.
„Raus hier“, brüllte er den entsetzten Wachmann an, bevor er sich an die vor Angst schlotternden Diener wandte.
„Bringt Otto zu mir und dann verschwindet“, fuhr er sie unbeherrscht an, worauf die erschrockenen Diener wie verängstigte Hühner nach draußen stoben, um seinem Befehl Folge zu leisten.

Otto ließ nicht lange auf sich warten. Wie immer erschien er in gebückter Haltung. Es fiel Radulfus schwer, den unterwürfigen Ausdruck in seinem verschlagenen Gesicht zu ertragen, doch Otto war für heikle Aufträge dieser Art einfach der beste Mann. An Einfallsreichtum und Skrupellosigkeit war er von niemandem zu überbieten.
Seine flinken Augen streiften kurz über das Gesicht des Bischofs und erfassten mit einem Blick die namenlose Furcht und das Grauen darin, das Radulfus zu verbergen suchte. Dann senkte er seinen Blick und wartete auf das, was Radulfus ihm zu sagen hatte.

„Ich will das Mädchen zurück.“ Radulfus´ Stimme zitterte leicht. Er zog einen prall gefüllten Beutel unter seinem Umhang hervor und öffnete ihn. Es war das Silber des Tuchhändlers. Er reichte Otto einige Silberstücke, die dieser mit ausdruckslosem Gesicht entgegennahm. riesigen Kessel wurde zusammengedrückt. Auf und nieder, schneller und 

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