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ANKE BRACHT

Der Moritzfaktor




Das Elend kommt immer überraschend. Jedenfalls ist es bei mir so. Wie unerwarteter, ungebetener Besuch steht es vor der Tür, hübsch zurechtgemacht wie für den Sonntagsspaziergang. Wenn mein Elend ein Mensch wäre, dann käme es als Mädchen mit langen blonden rotbeschleiften Zöpfen und einer Zahnspange. Sie würde vor meiner Haustür stehen, mit schöner Regelmäßigkeit. Immer genau dann, wenn ich sie am wenigsten gebrauchen kann. Sie würde mich ansehen, ihre dünnen Beine würden sich an den Knien fast berühren; sie würde ihre schmalen Brauen über den viel zu großen leuchtenden Augen kummervoll zusammenziehen und mir dann in einer blitzschnellen Bewegung ihren Ranzen auf den Kopf hauen. Peng. All ihre Schulbücher würden wie dicke Wackersteine die Treppe vor meiner Tür hinunterfallen und während ich langsam begreifen würde, dass das Elend wieder da ist, würde sie summend an mir vorbeischlüpfen, in mein Wohnzimmer hopsen, und sich apfelkauend auf mein Sofa lümmeln. Und während ich gegen die Tränen ankämpfen müsste, würde sie mir frech ins Gesicht sehen und mit leiser Stimme sagen:
„Da bin ich also. Und so schnell wirst du mich nicht wieder los.“ Und dann würde sie dort sitzen bleiben, einen ganzen Monat lang oder noch länger, und würde mich dabei beobachten, wie ich mich entliebe.

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der.moritzfaktor.leseprobe.2.pdf