Wenn Heimat nicht loslässt

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Kriemhild Frieda Marie Mader

Wenn Heimat nicht loslässt

eBook
Erscheinungstermin: 17.11.2014
eBook-ISBN: 978-3-944607-14-6
eBook-Preis: 1,29 Euro

auch als Taschenbuch erhältlich

 

Inhaltsbeschreibung:

Der geliebten Heimat entflohen und für die eigene Freiheit alles zurückgelassen.

Für Ilse wird die Flucht nach West-Berlin, gemeinsam mit ihrem Sohn Hannes, zur emotionalen Zerreißprobe.
Die Vorbereitungen waren perfekt, der mit Westshampoo gewaschene Schopf des Jungen verbreitet keinen ‚Ost-Duft‘ mehr und alles verläuft fast reibungslos. So unsagbar groß das Staunen über den Westen, über die unbekannte, bunte Welt auch ist, so greifbar nah, spürt sie auch, mit dem ersten Schritt auf ‚West-Boden‘, die Sehnsucht nach der Heimat, nach der ländlichen Luft, nach dem Vertrauten.
Wird Ilse der Sehnsucht nachgeben? Den seit Generationen bewirtschafteten Hof der LPG überlassen und ihr, in dem großen Wir-Gefühl, verlorenes Ich wiederfinden?

Kann der Wunsch nach Freiheit und die Kraft der Sehnsucht nach Selbstbestimmung, die Verantwortung dem Anvertrauten gegenüber und die Gefühle der Heimatverbundenheit überdauern?


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Wenn Heimat nicht loslässt

Der geliebten Heimat entflohen und für die eigene Freiheit alles zurückgelassen Für Ilse wird die Flucht nach West-Berlin, gemeinsam mit ihrem Sohn Hannes, zur emotionalen Zerreißprobe Die Vorbereitungen waren perfekt, der mit ‚West’Schampoo gewaschene Schopf des Jungen verbreitet keinen ‚Ost-Duft‘ mehr und alles verläuft fast reibungslos. So unsagbar groß… Mehr zum Inhalt.

 

 

Vom Leben am Rand der roten Scheibe

„…Aus dem Osten kam sie, und der war für Ute eine rote Scheibe. Überstülpt von einem Himmelszelt voller revolutionär-sozialistischen Gedöns. Miefig war er, der Osten. Hätte sie irgendjemand wegen ihrer Herkunft bedauert, dann hätte der schon was zu hören gekriegt ...“ Mehr zum Inhalt.

[…] Wie sollte Hannes auch nur ahnen, was vor ihm lag? Was ihn im Westen alles erwartete. Seine dörfliche Umgebung hatte so gut wie keinen Platz für adrett verpackte Konsumartikel. Eher schon für Allerweltswaren aus dem Konsum. Und die sahen überall gleich aus, beim Opa, bei den Tanten und Cousins genauso wie im eigenen Haus. Da gab es keine Unterschiede. Überall fühlte er sich gleich zu Hause. Weiter malte die Mutter an seiner Vorstellung: „Weißt du, es gibt da ganz viele Sorten Eis. Du wirst staunen.“ Sie selber würde das auch. Staunen. Nicht einmal die Erwachsene machte sich einen Begriff von jener unbekannten Welt, die der Unterscheidbarkeit und dem Anschein der Dinge so viel Wert beimaß. Als Anhaltspunkt hatte sie lediglich die Werbung im Westfernsehen und den Inhalt der brüderlichen Pakete. Das war nur ein Eindruck. Gab der Fantasie höchstens eine Richtung vor. Die Mutter spielte mit Hannes’ Fingern, hob seine rechte Hand, die das Auto hielt. Betrachtete es staunend, als würde sie es zum ersten Mal erblicken. Ungeschickte Fragen stellte sie. „Wie heißt das Auto? Ach, ein Mercedes? Der fährt aber nicht schneller als Opas Moskwitsch, oder?“ Er, der schlaue Hannes, weihte die so unbewanderte Mutter gern in die motorisierte Welt ein.

Schienen verzweigten sich vor einer Wand aus hohen Pappeln und, ohne dass auch nur ein Gebäude auf ihrer Fensterseite das Herannahen eines Städtchens angedeutet hätte, fuhren sie in einen Bahnhof ein. Ludwigslust. Ein junges, feingliedriges Mädchen schob mit einem Ruck die Tür auf. Eng sitzende Hose und eine Strickjacke, die an den Ellenbogen gehörig ausgeleiert war. Über der Schulter hatte es nachlässig einen unförmigen Rucksack hängen. Ilse musterte die neu Zugestiegene. Die könnte ihr wohl nicht gefährlich werden. Ilses Absicht durchschauen und möglicherweise vereiteln. Nein, dieses Mädchen war harmlos, entschied sie. Eine Studentin vielleicht. Fahrig wirkte sie, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Hatte ihrem Rucksack, bevor sie ihn umständlich ins Gepäcknetz hievte, ein Buch entnommen. Ließ sich auf den Platz am gegenüberliegenden Fenster plautzen und versenkte sich sofort in die Lektüre, während sie sich den Pony aus der Stirn strich. Kein lästiges Gespräch. Keine Störung.

Eigentlich waren doch wenige Fahrgäste unterwegs, dachte Ilse. Sie sah hinaus. Wieder ging es durch Felder, manchmal Wälder. Flache Landschaft, weite Ebene. Gar nicht so lieblich geschwungen wie zu Hause. Keine Seen, Erhebungen. Allerdings war da seit ein paar Jahren schon Schluss mit den Seen vor der Haustür. Weggesperrt hatte man sie, den Ratzeburger See, den Mechower. Seit sechs Jahren die Heimat einfach von einer Grenze durchschnitten. Eine, durch die man nicht einfach so reisen konnte. Nein, an dieser Linie war von heute auf morgen und ein für alle Mal Schluss mit der Welt! Nur noch Osten gab es, Nordosten, Südosten und was so dazwischen lag. Wenn sie jetzt baden wollten, mussten sie ein ganzes Stück weiter fahren. Ostwärts lagen die Seen eben nicht mehr so günstig. Viel kleiner waren sie als die, in denen sie, seit sie Kind war, gebadet hatte. Ungewohnt klein waren auch die östlichen Städte, in denen sie nun ihre Einkäufe machen mussten, Rehna, Schönberg. Nicht viel größer als Dörfer es waren. Und viel weiter entfernt als vordem die sieben Kilometer nach Ratzeburg. So lange sie denken konnte, waren sie nur dorthin, auf die Insel, zum Einkauf gefahren. Aber das war nun vorbei. Dort drüben musste das Warenangebot in der Zwischenzeit förmlich explodiert sein. Da bestimmte jetzt die Mode, was in die Regale kam. Während hier alles einzuschlafen schien. Immer mangelte es an irgendetwas. Nicht kaufen, organisieren musste man. Beziehungen hieß das Zauberwort. Dabei wäre das alles noch auszuhalten, dachte sie. Selbst an die Worte, an die verdrehten Sätze könnte man sich zur Not noch anpassen: Das Ich gestrichen, aufgelöst in der Einheit des großen Wir. Volkseigentum! […]