Kurt Holl

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Kurt Holl

Kurt Holl

Erscheinungstermin Hardcover: 18.10.2018
Hardcover-ISBN: 978-3-944607-29-0
Hardcover-Preis: 22 Euro
auch als Hardcover erhältlich

Inhaltsbeschreibung:

 

Ein wahrer Kölner (Ehren)Bürger!

 

Uneitel, kompromisslos, nur rücksichtslos gegen sich selbst, wenn es darum ging, denen eine Stimme zu geben, die keine (Mit-) Sprache hatten. Kurt Holl verschrieb sich mit Leib und Seele diesem Motto. Mit seiner beeindruckenden Autobiografie belegt er nachhaltig, dass die Überführung des revolutionären Geistes der 68er Jahre in die heutige Zeit gelungen und lebendig gehalten ist.

 

Mit Witz und Präzision beschreibt er seine politischen Aktionen von 1960 bis 2015 und zeigt die vielen Facetten eines Lebens als „Berufsrevolutionär“. An seinem eigenen Beispiel, seiner Herkunftsfamilie, Lehrer-Kollegen, Gleichgesinnten und Mitstreitern analysiert er die gesellschaftlichen Verstrickungen mit der NS-Vergangenheit und die Auswirkungen der Verleugnung und des Wegschauens.

 

Da er seine Autobiografie durch seinen unerwarteten Tod nicht vollenden konnte, ergänzen seine Söhne und einige MitstreiterInnen das Bild des Mannes, der uns allen hinterlassen hat, dass es lohnt, sich für Gerechtigkeit – gegen alle Widerstände – einzusetzen.

 

„Kurt Holl führt uns mit seinen Lebenserinnerungen durch entscheidende Etappen dieser Republik, von 1945 bis in die 2000er Jahre: Ein Unerschrockener mit Witz, ein friedensliebender Anarchist, ein Hochgebildeter des Wortes und der Tat. Das Geschichtsbuch eines Aufrührers und Aufklärers – keine Rechtfertigungsschrift, sondern das literarisch politische Testament eines wahren Menschenfreundes.“
Günter Wallraff

 

„Unsere Gesellschaft braucht Menschen wie Kurt. Menschen, die etwas riskieren, um anderen zu helfen. In diesem Sinne ist Kurt Holl ein Sohn dieser Stadt, denn Köln hat ein Herz für mutige Querdenker.“
Hedwig Neven DuMont

 

Mehr zum Autor

 

    Inhaltsverzeichnis

 

 

  1. Teil 1
    Vorwort:
    Die Lektorin im Gespräch mit den Söhnen (Teil I)

    Wer schreibt, der bleibt

    Ich bin in einem Krater geboren
    Über Ursprünge, Mythen und mutige Vorfahren

    Die Suche nach den Vätern
    Sehnsucht und Enttäuschung

    Mutterland ist abgebrannt
    Verluste im Land der Frauen

    „Vater Staat und Mutter-Sau“
    Die deutschen Täterinnen

    Vaterland Ade!
    Wie Deutschland den Krieg und auch mich verlor

    Der Vater im Himmel
    Wie ich den lieben Gott adoptierte

    Kofferträger für die „Terroristen“
    Pour la paix en Algérie – vive FLN!

    Mein evangelikaler Jihad
    Meine Abrechnung mit dem Christen-Gott
    Exkurs: Abbitte an ein Arschloch

    Meine Jahre bei den Meisterdenkern
    Vom Charme und Einfluss meiner postfaschistischen Professoren

    Monsieur, vous etes exclu!
    Wie ich in La Rochelle von einem Sprachkurs ausgeschlossen wurde

    „Mein Haus ist kein Hurenhaus“
    Abschied von der Gewalt des Hausherrn

    Frisch, frech, fröhlich, frei
    Die Leibes,- und Geistesübungen der 68er

    Brüder statt Väter
    Von der Unterwerfung unter die Gewalt des Vaters zum militanten Widerstand

    Meine Wahl
    Nie Mitläufer der Mächtigen sein

    Wer war Kurt Holl?
    Die Lektorin im Gespräch mit den Söhnen (Teil II)

  2. Teil 2

    Untertan? Nein Danke!
    Von Lehrern, die umfallen

    Verführung Minderjähriger? Aber Ja!
    Von Müttern und SchülerInnen

    Die Erkenntnisse des Dr. Spitzl
    Mein Berufsverbot

    Da war’s mit der Friedhofsruhe vorbei
    Meine Pflichtarbeit auf dem Melatenfriedhof

    Türkische Dörfer in Köln
    Das Gencekondu von Merkenich
    Der Kabarettist Jürgen Becker über den „Mann mit Schnäuzer“

    Alexis Sorbas in Anatolien
    Oder wie wir anatolische Bergbauern „entwickeln“ wollten

    Einbruch in den Nazi-Knast
    Wie die Zerstörung der Gestapo-Keller verhindert und das NS-Dokumentationszentrum durchgesetzt wurde

    Die Wacht im Baum
    Platania am Kaiser Wilhelm Ring

    Kommando „Sonnenschein“
    Wie Batteriefabrikant und Postminister Schwarz-Schilling (CDU) seine Giftprodukte selbst entsorgen musste

    Wie ich unter die „Zigeuner“ fiel
    Die Sinti Familie Weiss schlägt ihr Lager neben meiner Schule auf

    Gelandet im Nirgendwo
    Roma auf dem Flugplatz Butzweilerhof

    100 Roma im Opernhaus
    Wie der „Mann in Leder“ Alice Schwarzer empörte

    Kopfgeld auf die „Zigeunerin“
    Wie Familie Pampurova sich in Köln verstecken musste und nicht gefunden wurde

    Gelem, Gelem
    Der Bettelmarsch der Roma

    Desinfektion
    Saubere Deutsche – und wie man in Bonn mit „dreckigen Zigeunern“ umging

    Brief an Kurt Holl von Fatima Hartmann

    Hausbesuch vom BKA
    Warum mich der Staat für eine revolutionäre Zelle hielt

    Spießbürgers Peepshow
    Was mir als Mitglied im Kölner Polizeibeirat auffiel

    Sie kapieren es nicht!
    Über die gefährliche Dummheit von Journalisten

    Majestätsverbrechen
    Die Erlebnisse eines edlen Tropfens

    Prima Promis
    Wie wir das Ausländeramt besetzten

    Nie wieder Krieg? Verarschen kann ich mich alleine!
    Mein Bruch mit den Grünen

    Triumph der Wahrheit
    Wie der Rom e.V. die Nazi-Filmerin Leni Riefenstahl zum Widerruf zwang

    Nazis und Nachbarn
    Kunst gegen das Vergessen: „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“ und das Stolperstein-Projekt

    „Über Holl ist bekannt…“
    Wie mir meine Polizeiakte einmal ein Date versaute

    Der alte Mann und das Mädchen
    Wie ich mit Yasmin durch Kenia reiste

    Taubenhilde
    Meine Schwäche fürs Milieu

    Die Bruderschaft zur heiligen Vorhaut
    Wie wir den Bischof von Trier verunsicherten

    Ein neues Einverständnis mit den Mächtigen?
    Plädoyer für die Lust am Verrat an den herrschenden Verhältnissen

    Die Utopie vor der eigenen Haustür verwirklichen?
    Die Lektorin im Gespräch mit den Söhnen (Teil II)

    Nachwort von Lothar Gothe

    Über den Autor

    Danksagung

  1. Hausbesuch vom BKA
    Warum mich der Staat für eine revolutionäre Zelle hielt
    Sie klingelten mich am 20. März 1990 morgens um sechs Uhr aus dem Bett, und während je zwei Polizisten vor den Fenstern meiner Parterrewohnung im Friesenwall (vorne auf der Straße und hinten im Hof) bereitstanden, um meine mögliche Flucht zu verhindern, durchsuchten der Bundesanwalt und seine Hiwis meine Wohnung.
    Der Durchsuchungsbefehl wurde mit der Annahme begründet, ich stünde im Verdacht Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein, nämlich der „Revolutionären Zellen“ (RZ).
    Der eigentliche Hintergrund ihrer Aktion war folgender: Anfang der 1990er Jahre hatte die Stadt Köln eine „Anlaufstelle für ethnische Minderheiten“ eingerichtet. Dahinter verbarg sich allerdings ein Amt „zur vollständigen Erfassung aller „Zigeuner“ (und zwar nur dieser Minderheit), die vor den Bürgerkriegen auf dem Balkan bei uns Zuflucht suchten. Als uns klar wurde, was da lief, forderten wir die sofortige Schließung.
    Wir fanden es dreist, dass nach Nazivorbild schon wieder „Zigeunerkarteien“ angelegt wurden. Als die Stadt unseren Protest ignorierte, drangen wir, 15 Frauen und Männer, früh morgens kurz nach der Öffnung in die Büros dieses Amtes ein. Die eine Hälfte von uns belagerte die Schreibtische der Beamten in den beiden Zimmern und verwickelte diese in heftige Diskussio-nen, die anderen plünderten die Regale und sackten ca. 35 Ordner mit „Zigeunerdaten“ in vorbereitete Großtaschen ein. Da den Beamten die Sicht durch die dicht gedrängt stehenden Aktivisten verstellt war, gelang der Coup, ohne dass jene etwas bemerkt hatten, zumal der „Raub“ nur fünfzehn Minuten in Anspruch genommen hatte. Wir verabschiedeten uns freundlich und rasten mit den unten wartenden Autos zu einem Büro, wo wir bis in die Nacht hinein die Ak-ten kopierten und sichteten.
    Was wir da entdecken, verschlug uns die Sprache: die Stadt hatte akribisch die Daten aus Sozi-al,- Ausländer,- und Wohnungsämtern, Schulen, von privaten Wachfirmen und der Polizei zusammengetragen und abgeglichen. Das war ja nicht nur ein glatter Bruch aller Datenschutz-vorschriften, sondern die totale Sonder-Erfassung einer Minderheit. Im Faschismus hatte solch ein Vorgehen die Vorstufe zur Deportation und Vernichtung dargestellt.
    Wir packten die Originalakten in mehrere Koffer und brachten diese tags darauf zum Landesdatenschutz-Beauftragten nach Düsseldorf. Denn wir hatten Angst, dass die Polizei uns die Akten wieder abjagen könnte. Drei Wochen später wurde die so genannte „Anlaufstelle“ durch die Intervention des Datenschutzbeauftragten geschlossen. Wir aber publizierten in einer Broschüre diese haarsträubenden Beispiele städtischer Daten-Kriminalität.
    Dennoch lagerten auch weiterhin in den Büros der „Anlaufstelle für ethnische Minderheiten“ Hunderte von Akten, auch wenn deren Benutzung nun verboten war. So blieb das Misstrauen der Aktendiebe und anderer wacher Zeitgenossen bestehen, und eines Nachts flogen Molo-towcock-

    tails in die Büroräume der „Anlaufstelle“. Während der Aktenklau ungesühnt blieb, weil wir ja da-durch städtische Straftaten verhindert hatten, übernahm nun das BKA und ermittelte gegen die „terroristische Vereinigung“, die sie des Anschlags verdächtigten. Warum aber gegen mich?
    Abgesehen davon, dass ich in der Tat den städtischen Datenmissbrauch angeprangert hatte, hatte es vielleicht damit zu tun, dass mich der Verfassungsschutz schon früher einschlägiger Delikte verdächtigte: 1958 galt ich ja als „Kofferträger“ algerischer „Terroristen“ der FLN und 1976 als angeblicher Urheber einer Bombendrohung.
    Doch die Durchsuchung ergab nichts und das Verfahren wurde – wiedermal – eingestellt.

  2. Spießbürgers Peepshow
    Was mir als Mitglied im Kölner Polizeibeirat auffiel
    Fast zehn Jahre lang saß ich bis Ende der 1990er für die Grünen im Polizeibeirat; das ist ein von der englischen Besatzungsmacht eingerichtetes Gremium zur Kontrolle der deutschen Polizei durch die Bürger. Viermal im Jahr traf ich dort als vom Rat gewähltes Mitglied auf Vertreter der anderen Parteien und mit den Polizei-Offizieren und dem Polizeipräsidenten im 6. Stock des Präsidiums, um Kritik von Kölner Bürgern an Polizeieinsätzen zu verhandeln.
    Die Dramaturgie war immer gleich: Ich brachte regelmäßig Anfragen oder Beschwerden von Leuten ein, die auf Demos geschlagen oder die festgenommen worden waren, vor allem griff ich immer wieder rabiate und meist unverhältnismäßige Einsätze gegen Ausländer oder Flüchtlinge auf.

    Ein rechtswidriger Einsatz von Polizeigewalt, an den ich mich gut erinnere, war die Festnahme von 54 Roma-Frauen von 12 bis 55 Jahren (im gebärfähigen Alter!) im Heim „Poller Holzweg“, die man der Kindesaussetzung verdächtigte, obwohl in der Nähe des Fundortes des Babys viel mehr Deutsche wohnten. Sie waren morgens um 7 Uhr aus den Betten geholt und zur Blu-tabnahme und zur gynäkologischen Untersuchung ins Präsidium gebracht worden. Der Verdacht bestätigte sich nicht. Amnesty London hat dies im darauffolgenden Jahresbericht angeprangert.
    Ein anderer Einsatz betraf Balkan-Flüchtlinge, die von der Stadt Köln 1990 von einem Parkplatz in Fühlingen auf den sogenannten „Schiffhof“ im Stadtwald an der Brühler Straße „umgesetzt“ worden waren. Dort kampierten sie dann in Zelten und selbstgebauten Holzhütten.
    Im Frühjahr 1990 morgens um sechs Uhr umstellten 1.200 Polizeibeamte diese provisorische Siedlung in der knapp 200 Menschen lebten, davon über die Hälfte Kinder. Sie durchkämmten das gesamte Lager, während jedes Zelt von mehreren Beamten umstellt war. Im Wald um die Lichtung herum standen die Polizisten dicht an dicht. Grund der Razzia war die steigende Zahl der Wohnungseinbrüche im Raum Köln. Das Polizei-Präsidium vermutete die Beute – wo? Na-türlich bei den „Zigeunern“. Sie beschlagnahmten alles, was sie an Wertvollem oder auch nur an scheinbar Wertvollem finden konnten. Überwiegend Familienschmuck, so dass die Frauen ihre Halsketten und Ohrringe abnehmen mussten.

    Eine Woche später präsentierte die Polizei im fünften Stock des Präsidiums am Waidmarkt eine große Beuteschau. Dazu hatten sie über die Medien die Bevölkerung in ganz NRW eingeladen.
    Alle, die Schmuckstücke vermissten, sollten die konfiszierten Sachen begutachten. Ich war nicht erwünscht und wurde, obwohl ich damals Mitglied des Polizeibeirates war, mit Gewalt aus dem Gebäude geworfen.
    Hunderte von Menschen drückten ihre Nasen an den Scheiben der Vitrinen platt, schwankend zwischen Faszination, Neid und offenem Ressentiment. Freilich nur wenige Teile konnten als Eigentum von Bestohlenen identifiziert werden. Dumm gelaufen. Schließlich konnte der Rom e.V. selbst zur Aufklärung beitragen, weil viele Schmuckstücke auf Fotos, zum Beispiel von Hochzeiten, als Familienschmuck wiederzuerkennen waren. Roma-Bräute erhalten nämlich meist ihre Mitgift in Form von Goldstücken (Maria-Theresia-Talern) oder teuren Halsketten. Un-ser Rom e.V. Mitglied Yasmin, Leistungskurs Kunst am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, hielt die aufgeladene Szene im Präsidium unter dem Titel „Spießbürgers Peepshow“ fest. In der Nacht zum 11. Juni wurde ihr Werk als Plakat wild im Bereich der Breite Straße geklebt. Die Polizei wollte partout nicht den künstlerischen Charakter dieser Karikatur erkennen und erstattete prompt Anzeige wegen Beleidigung.
    Ein weiterer Hauptpunkt meines Engagements im Polizeirat war es Kontinuitäten aus der NS-Zeit im heutigen Kölner Polizeiapparat nachzuweisen. So hatte die Kölner Polizei bis in die 1990er Jahre hinein nicht nur die Stigmatisierung der „Zigeuner“ fortgesetzt, indem sie diese Minderheit grundsätzlich als verdächtiges Kollektiv behandelte. Entweder wurde bei dem Bes-chuldigten grundsätzlich die angebliche ethnische Zugehörigkeit genannt, z.B. indem hinter dem Familiennamen, die nicht nur fehlerhafte und unsinnige, sondern auch die abwertende Bezeich-nung „Zigeuner“ in Klammern hinzugefügt wurde. Oder es wurde – nachdem fortschrittliche In-nenminister dies bemängelten – mit verschleiernden Kürzeln gearbeitet: als „EM“ (ethnische Minderheit) oder „HWAO“ (häufig wechselnder Aufenthaltsort) bzw. „Reisende Straftäter“. Die Kreation „Rotationseuropäer“ war allerdings eine Erfindung der Frankfurter Polizei und wurde nur dort benutzt.
    Es nimmt da nicht Wunder, dass die Kölner Polizei sich weiterhin der Nazi-Akten über „Zigeuner“ bediente, soweit sie im Präsidium erhalten waren. Als ich freilich nach dem Verbleib dieser Akten fragte, hieß es offiziell sie seien verschollen. Nach weiteren unwürdigen Versuchen der Ver-tuschung kam aber heraus: Sie waren zeitgleich schnell ins Hauptstaatsarchiv überstellt worden, damit man behaupten konnte, es gäbe keine „Zigeunerakten“ im Präsidium mehr.
    In der Regel gerieten die Diskussionen im Polizeibeirat, wenn es um diese Fragen ging, in übel-riechendes Fahrwasser. Während die Polizei-Offiziere sich wenigstens im Sprachgebrauch etwas zurückhielten, polemisierten die Vertreter von CDU und SPD mit rassistischen Unterton gegen die Roma: „Hör auf, Holl – wir kennen diese Leute. Die sind doch alle kriminell.“
    Einer, der sich bei dieser Hetze besonders hervortat, war das SPD-Ratsmitglied Erich Schäfer, übrigens der Vorsitzende des Beirates. Er musste wenig später zurücktreten, weil er in einen Korruptionsskandal verstrickt war. (s. Werner Rügemer, Colonia Corrupta 2002)

    Der Polizeirat tagte in einem Raum, der auch die Ahnengalerie aller Polizeipräsidenten der letz-ten 100 Jahre beherbergte, jeder schaute aus einem prächtigen Porträt auf uns herunter.
    Mich störte, dass ausgerechnet hinter meinem Platz die beiden Nazi-Präsidenten Lingens und Hövel hingen. Hövel war von 1935 bis 1945 der Nazi-Polizeipräsident von Köln und befehligte die Deportation der 11. 000 Juden und der 1.000 Sinti und Roma aus Köln in die Vernichtungslager. Unter dem Bild dieses Verbrechers tagte der Polizeibeirat 50 Jahre lang, ohne dass sich einer der Ratsherren aus CDU, SPD und FDP je daran gestört hätte. Ich beantragte die Bilder zu ent-fernen und außerdem endlich die NS-Verstrickung der Kölner Polizei aufzuarbeiten und öffen-tlich zu machen. Ich erinnerte auch an ein besonders skandalöses Beispiel für die personelle Nazi-Kontinuität am Waidmarkt, nämlich an den Chef der Kölner Mordkommission Theo Lipps, der diesen Posten bis 1968 innehatte. Er war als SS-Obersturmbannführer Chef einer Einsatzgruppe gewesen und ließ Tausende von Juden im Osten erschießen. Er war nur einer von Dutzenden von SS-Führern, die bei der Kölner Nachkriegspolizei Karriere gemacht hatten, aber nur einer der wenigen, die vor ihrer Pensionierung aufflogen. Wie stets wurden solche An-träge von mir mit Amüsement quittiert und niedergestimmt.
    Erst der nächste Polizeipräsident, Jürgen Roters, ging ab 1994 dann darauf ein und beauftragte eine historische Kommission unter Leitung des Kripochefs Walter Volmer mit der Aufarbeitung. Unter Roters verbesserte sich das Klima erheblich. Vielleicht auch, weil ich trotz des strengen Verschwiegenheits-Gebotes über die Zustände im Polizeibeirat öffentlich berichtet hatte. Klaus Schäfer von der SPD schloss mich darauf mit Zustimmung aller Beiratsmitglieder und des Präsidenten Hosse aus dem Beirat aus.
    Nach der nächsten Wahl wurde ich allerdings erneut vom Rat in das Gremium geschickt. So schnell und einfach wurde man mich nicht los.

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